lernen4dimensional auf der Arche Nova

Richard Stockhammer in Zusammenarbeit mit Eva Theissl

Arche Nova nennt sich ein Kongress mit etwa 1500 Teilnehmer/innen  im Bregenzer Festspielhaus Mitte Oktober 2011.

Der vollständige Titel des Kongresses lautete übrigens Arche Nova. Die Bildung kultivieren!Kultivieren ist vielleicht eine vorschnelle Einschränkung. Die archaische Geschichte der Arche Noah kam ohne kultivierenden Zusatztitel aus. So jedenfalls lebt dieses Urbild mythisch in meinem Langzeitgedächtnis: einen Raum, ein Riesenschiff für die Überlebensreise bauen und besteigen. Mit Bildung verbinde ich weniger Kultivieren, sondern vielmehr Entfalten aus der Fülle der Möglichkeiten. Bildung ist Entfaltung.

Gelingen ist für mich auf diesem Kongress zum Schlüsselwort geworden. Es wurde in einem Vortrag von Gerald Hüther im Verständnis von Selbstorganisation lebendig. Inzwischen habe ich auch das Buch gelesen, auf dem sein Vortrag basiert: “Was wir sind und was wir sein könnten” (erschienen 2011 bei S. Fischer): Gelingen und Selbstorganisation sind im Gang. Wir müssen sie nicht machen. Leben ist ein Erkenntnis bringender Prozess. Alle lebenden Prozesse sind nicht (etwa durch Gene) programmiert, sondern autopoietisch (Umberto Maturana). Die Natur und auch unser Gehirn entfalten sich in Selbstorganisation und nicht durch Machen. Also Selbstorganisation und nicht Machen, das wird uns immer bewusster. Ich kann daher nicht erfolgreich unterrichten. Ich kann als Lehrer bloß viel dazu beitragen, dass es gelingt. So wie man (Selbst)Heilungsprozesse lediglich unterstützen kann – aber man kann nicht heilen. Man kann eine Wunde aber gut versorgen.

Auch das gesuchte Neue, die Innovation, ist schon da, allerdings nur vereinzelt. Das Neue ist schon am Leben. So ist es ist eine Freude, Schüler/innen auf improvisierten Theaterbühnen zu erleben, oder Kinder als Zirkusakteure, um nur die expressivsten Beispiele zu nennen, die am Kongress präsent waren. Auch Filme von Reinhard Kahl zeigten, wie Projektgruppen sich in Neuland bewegen und tage- oder wochenlang in der Wildnis ihren Weg gehen. In der rauen Wirklichkeit werden sie in Selbstverantwortung bestärkt. Und wir kennen Lehrerinnen, Künstler, Artistinnen, Architekten Lehrerbildnerinnen, Mütter, Väter, Großmütter, Großväter, Köchinnen, Gärtner, Moderatorinnen, Wissenschafter usw., die sich immer wieder auf Neues einlassen, die das Neue bewusst praktizieren; Lernen nicht als Wiederholung (von bekanntem Wissen) verstehen, sondern als kreativen Akt im Neuland, als Suche neuer Lösungen. Verantwortung und Offenheit und Vertrauen ins Gelingen der Selbstorganisation sind weitere Schlüsselbegriffe auf dem Kongress.

Ablauf in Offenheit
Begonnen hat der Kongress so offen, dass man auf sich selbst verwiesen wurde. Schon vor dem offiziellen Beginn am Freitag um 17 Uhr – nämlich bereits um zehn Uhr – starteten viele Aktivitäten parallel. Das Barcamp stellte sich als völlig offene Form der dichten Selbstorganisation heraus. Nach einer ganz kurzen Einleitung, was ein Barcamp ist, nämlich ein offenes Gefäß für Offenheit, ging es los.

Zunächst wurden wir um drei Schlüsselwörter zur Selbstdeklaration gebeten, man könnte es auch als Vorstellrunde bezeichnen. Unsere Gruppe umfasst ca. 80 Menschen, sie kennen einander (noch) nicht. Ich nenne zur Selbstdeklaration Übergänge – niemand lernt so wie ich – Übergänge. Dass ich Übergänge zweimal nenne, bringt viele zum Schmunzeln. Diese ungewöhnliche Vorstellrunde ist in schwungvollen zehn Minuten erledigt.

Dann folgt bereits die Frage, möchtest du eine Session für dein Thema nutzen? Ich will, spontan, so wie etwa zwölf andere auch. Ich erzähle, in welchem Übergang ich bin: Von meiner Position als Leiter der Hauptschulabteilung im österreichischen Unterrichtsministerium in die Pension und in die private, öffentliche Initiative lernen4dimensional. Ich charakterisiere die Dimensionen knapp, ohne Grafik oder sonstige Hilfsmittel.

Dann erfolgt eine Zeiteinteilung der parallelen Themen. Die Musiker/innen gehen in einen schalldichten Raum, alle anderen bleiben in einem sehr lang gestreckten Raum mit vielen Fenstern Richtung Bodensee und Blick auf die Seebühne, auf ein riesiges Haupt, das aus dem Wasser ragt, die Schulter, eine Wange und ein Ohr sind begehbare Plattformen – die Seebühne in Bregenz.

Zunächst nahm ich an einem Zirkusworkshop teil. Es war ein sehr anschaulicher Bericht über Zirkus am Nachmittag in einer Volksschule. Lernen wird zu ernstem Spiel und zur intensiven Übung. Resümee eines Zuhörers: Es ist evident, dass das intensiv und gut ist – wie weiter, was heißt das für das Schulsystem? Diese Frage beschäftigte mich den Rest des Tages. Evident … intensives Lernen … und wie weiter? 

Ähnliche Sessions folgten. In diesem Ambiente, wo so vielen intensives Lernen gelingt, spüre ich der Frage nach: Wie kann ich beitragen, die neue Qualität, intensives Lernen zur Systemqualität zu erheben?

Für Qualität, besser für das Verständnis von schöpferischen inneren Bewusstseinsstrukturen ist das druckfrische Buch “Niemand lernt so wie ich –
Eine Reise durch österreichische Lernlandschaften” eine Fundgrube. Darin werden die verdichteten Erfahrungen vieler innovativer Schulentwicklungen beschrieben und das
vierdimensionale Lern- und Prozessverständnis. Mich interessiert brennend, wie dieses in der Umgebung von Neuerern ankommt.

lernen4dimensional zeigt eine Verbindung zwischen kleinen und großen Systemen, zwischen individuellem Lernen und institutionellem oder gesellschaftlichem Lernen.

Die vier generativen Bewusstseinsstrukturen werden in Quadranten gesetzt (siehe Abbildung ”Das offene Konzept der liegenden Acht”).

Die vier schöpferischen Strukturen sind sowohl persönlichen wie auch anthropologischen Entfaltungen nachempfunden. Das Bewusstsein entwickelt sich vom Tun, zum Selbsterlebnis, zum unterscheidenden Denken und zur integrativen Vernetzung. Die Bewegung des Bewusstseins geht von ursprünglicher Ganzheit zu bewusst werdender Subjektivität, zu objektivierenden wissenschaftlichen Denkweisen weiter zum integrierenden verantwortungsvollen Prozess- und Metaverständnis.

Zur liegenden Spiralacht werden somit unterschiedliche schöpferische Strukturen verbunden – ein energievoller Prozess ist im Gang.

Grafik: Das offene Konzept der liegenden Acht (vgl: Niemand lernt so wie ich. S. 144)

Abbildung: Das offene Konzept der liegenden Acht.
Aus: Stockhammer, Richard (Hg.): Niemand lernt so wie ich. S. 144

Mit diesem vierdimensionalen Lern- und Prozessverständnis untersuche ich nun einerseits genauer, was ich auf dem Kongress erlebt habe, und andererseits, was in der Session lernen4dimensional passiert ist.

Die Session lernen4dimensional oder
Wie gelingt es, mit den Stärken zu arbeiten?

Der Zusatztitel charakterisiert den Fokus, der sich gemeinsam mit den Zuhörer/innen erst herausbildet.

Eingeleitet und moderiert habe ich. Zunehmend wurde die Erzählung aus der Praxis der Leiterin des bundesweiten net-1-Projekts KL:IBO (Kompetenzlernen durch Individualisierung und Berufsorientierung) Eva Theissl tragend.

Ich erläutere die organisatorische Struktur: Was hier berichtet wird, ist in einem Entwicklungsnetzwerk innovativer Schulen entstanden, das ich während meiner Zeit als Leiter der Hauptschulabteilung im österreichischen Unterrichtsministerium initiiert und gesponsert habe und nun auch im oben erwähnten Buch dokumentiert ist.

Die Essenz der Entwicklungserfahrungen stellt das lernen4dimensional dar. An der systematischen Nutzung dieser schöpferischen Bewusstseinsstrukturen wird nun in organisierter Privatinitiative in Verbindung mit interessierten Menschen aus dem Schulwesen weitergearbeitet.

Die vier Dimensionen stehen während der Session diskret im Hintergrund, im Vordergrund stehen die Erzählung der Lehrerin und Projektleiterin Eva Theissl sowie die Nachfragen aus dem Publikum.

Die Session rückblickend vierdimensional dargestellt:

I.  Zugehörigkeit entsteht zum Beispiel im Zuhören. Ein intuitives Wir entsteht in diesem Workshop zunächst zuhörend. Jetzt. Das war auch schon die Erklärung der ersten Dimension. Und aus der anfangs etwas fluktuierenden Workshopgruppe wurde zunehmend – auch indem viele über das eigene Zuhören staunten, eine aktiv zuhörende, sich stabilisierende Gruppe.

Intensiver wurde dieses Zuhören durch das von Eva Theissl vorgestellte Beispiel: Wie gelingt es, systematisch mit den Stärken der Schüler/innen, die meist von klein an da sind, zu arbeiten? Wie führen die Stärken zum Beruf? Wie unterstützen sie einen selbstbewussten Weg in den Beruf?

Der Ursprung von Stärken wird nach dem vierdimensionalen Lernverständnis der Dimension I zugeordnet, das Selbstbewusstwerden der Dimension II, die Zuordnung der Stärken zu einem Beruf der Dimension III und das Verständnis des Berufs als Berufung, die sich im Prozess entfaltet und – wenn es gelingt – zum Dienst an der Gemeinschaft wird; der Dimension IV.

II.  Stärken und Selbstbewusstsein entspringen einer ursprünglichen, schon beim Neugeborenen vorhandenen Kompetenz zu lernen und sich zu entwickeln.

Ein systematischer Weg zur Arbeit mit Stärken hängt mit bewusst aufbauenden, wertschätzenden – nicht wertenden – Rückmeldungen zusammen. Wie gelingt eine liebevolle wertschätzende Beziehung, in der ich mich erkennen kann? – Das wurde zur Schlüsselfrage und zum Entwicklungsanliegen des Projekts KL:IBO. Einen Niederschlag findet das wachsende Selbstverständnis in einem Stärkenportfolio, das sehr persönlich gestaltet wird. Es finden Notizen und Reflexionen, Rückmeldungen oder auch Fotos und Geschichten aus der eigenen Kindheit Eingang.

In Alltagshandlungen werden Stärken aufgespürt. Eva Theissl bringt das am Beispiel einer Schülerin, die sagt: „Shopping ist mein Hobby.“ – Etliche Session-Teilnehmer/innen schütteln den Kopf. Was hat das mit Berufsorientierung zu tun? Es wird daher herausgearbeitet, was alles in der Alltagshandlung Shopping steckt: sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinandersetzen, das Warenangebot analysieren und mit Bedürfnissen in Verbindung setzen, eine Entscheidungs- und Prioritätenliste erarbeiten, geduldig sich selbst und ein Angebot prüfen, wird eine ins Auge gefasste Entscheidung am nächsten Tag, im nächsten Monat auch noch Bedeutung haben, wie wirkt die Entscheidung auf andere? usw.

Was zunächst wie ein hingesagtes Hobby beiseite geschoben wird, wird nach und nach zur tieferen Verbindung zu sich selbst, später auch zum Beruf. Dieses Die-eigenen-Stärken-Finden ist nur ein Zwischenstadium in einem bewusst betriebenen Prozess, eine Dimension in Verbindung zu anderen Dimensionen – im Fluss des vierdimensionalen Lernens.

III.  Die Person soll ihre Stärken erkennen, um darauf ihren Beruf zu gründen und damit sowohl in der Welt zu reüssieren und gleichzeitig bei sich und ihren Stärken zu bleiben. Es wird deutlich, welch große Herausforderung es für jene Menschen ist, die der anderen Person ihre Stärken spiegeln sollen.
Es ist weder für Lehrpersonen noch für Mitschüler/innen leicht, wertschätzend Rückmeldung zu geben. Übungen für Lehrer/innen und Schüler/innen wurden organisiert, die Erfahrungen dazu ausgetauscht. Profis aus den Bereichen Selbstwirksamkeit, Dokumentation und Portfolioarbeit sowie Berufsorientierung wurden beigezogen. Es wurde beobachtet, geübt, dokumentiert, reflektiert. Und schließlich auch publiziert.

Experten in der Session-Runde – aus verschiedenen Bereichen – zollen Anerkennung und sprechen Einladungen aus. Wieder wird deutlich, der Ansatz ist wirksam, sinnvoll – und er passt nicht recht zum übrigen Schulsystem. Häufig wollen die Schulen und andere Institutionen zwar die positiven Effekte, wie gelingende Berufswahl, hoch motivierte Jugendliche, ohne jedoch Verständnis für die Prozesse aufzubringen, aus denen diese positiven Effekte erwachsen. Irgendwie scheint ein Grundmuster des aktuellen Schulsystems (und vielleicht auch Grundmuster des Wirtschaftssystems) solche evident effektiven Prozesse gleichzeitig zu wollen und (ungewollt) zu sabotieren, indem der Erfolg über den Prozess gestellt wird.

IV. Die Verbindung zu sich selbst, zur tiefen Frage, was ist meine Aufgabe, meine Berufung, weist über schulische Zielvorgaben hinaus. Junge Menschen, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Jugendverantwortliche in Betrieben wissen das. Wir brauchen ein Bewusstsein und eine Umgebung für Wachstum. Wir brauchen Orte, Atmosphären und auch Riten, in denen sich die Jugendlichen als Akteure ihres Schicksals – das verbunden ist mit dem Schicksal der Gemeinschaft und auch der Natur – erleben und begreifen. Wir brauchen ein Verständnis für Gelingen. Wir brauchen eine andere Form der tieferen Verbundenheit, sowohl mit den individuellen als auch den sozialen Möglichkeiten. Und es geht nicht bloß um Erfolg, es geht um Gelingen.

Das Orientierungsgespräch, über das Eva Theissl berichtet, ist so etwas, anders und doch systematisch, eine Aktivität, ein Zusammenwirken, eine Einladung zur vierten Dimension:
Jeder Schüler, jede Schülerin der beschriebenen Klasse lädt seine/ihre Eltern zum Orientierungsgespräch in die Schule ein, im konkreten Fall auf dem Briefpapier der Schule. Ein Gespräch im trauten Kreis soll es werden. Ein Wendepunkt soll es sein und ein gemeinsames Erlebnis.
Der Schüler, die Schülerin lädt ein. Die Schülerin (im Weiteren ist zur Vereinfachung nur mehr von ihr die Rede) führt das Gespräch. Die Lehrerin unterstützt sie in der Vorbereitung und in der Gesprächssituation. Im Gespräch entsteht eine Situation des Zuhörens und Mitschwingens. Beide Eltern und die Lehrkraft (manchmal auch mehrere) hören zu, bestärken sie durch ihr Zuhören. Die Schülerin gibt Einblick in ihre Stärken, in ihren Berufs- bzw. Ausbildungswunsch und bittet die Eltern und die Schule um Unterstützung. Die Schülerin unterschreibt ihren Lernplan für das nächste Jahr und bittet die Eltern und die Lehrerin (und die Schule), ihr das zu ermöglichen und dem unterschriebenen persönlichen Lernplan für das nächste Schuljahr mit ihrer Unterschrift Unterstützung zu bekunden. Was in der Folge auch durch eine Unterschrift des Schulleiters bekräftigt wird.

So glatt und einfach geht das? –- Natürlich kommt es zu solchen Nachfragen.
Ja, sagt Eva Theissl, so glatt ist es voriges Jahr mit meiner Klasse gelaufen und auch heuer. Die geschilderte Form des Orientierungsgesprächs ist allerdings nur der Abschluss des zuvor geschilderten, höchst intensiven Prozesses, der anstrengend und windungsreich war. Wie beim Akt der feierlichen Unterzeichnung eines wichtigen Vertrages kommt es auf den Prozess davor an. Intensiv wird alles vorbereitet. Zum (feierlichen) Abschluss kommt man zusammen, wenn die Voraussetzungen für die Übereinkunft schon geschaffen sind.

Das Orientierungsgespräch schließt diesen Prozess ab, wird zur Grundlage eines erweiterten Prozesses. Aus der Sicht der Schülerin wird im Orientierungsgespräch zum Ausdruck gebracht

  • welche die Stärken vorhanden sind und für den Weg in den Beruf besonders wichtig erscheinen,
  • wie diese Stärken im kommenden Jahr ausgebaut werden sollen,
  • auf welchen Berufs- oder Bildungsweg das hinzielt,
  • inwiefern sich die Schülerin selbst in die Pflicht nimmt,
  • um welche Unterstützung sie die Schule und ihre Eltern bittet.

Dadurch, dass die Jugendliche in der Initiative ist und die mächtigeren Akteure – Eltern und Schule – unterstützend zuhören und mitwirken, wird sie in ihrer Eigeninitiative und Eigenverantwortung bestärkt. Rückhalt seitens der Lehrerin und der Schule wird spürbar. Insgesamt wird deutlich, ab dem Orientierungsgespräch ist die Jugendliche in einer anderen Position, in deutlicher Selbstverantwortung.

Zusammenfassend: Die Initiative liegt bei der Jugendlichen. Die Eltern und die Schule geben Rückhalt (= Dimension vier). Die Jugendliche ist mit diesem Rückhalt verbunden und findet zu ihrem Verständnis von Aufgabe, Beruf: Das wird mein Platz in der Gesellschaft.

In der Situation der 45-Minuten-Session bleiben natürlich viele Fragen offen, das Buch “Niemand lernt so wie ich” gibt tiefere Einblicke: Stockhammer, Richard (Hrsg.): Niemand lernt so wie ich. Eine Reise durch österreichische Lernlandschaften. Studienverlag, Wien, Innsbruck, Bozen  2011).

Im weiteren Verlauf des Kongresses habe ich viele Gespräche geführt. Die Frage, wie können jene Ansätze neuer Qualität des Lernens weitere Kreise ziehen, beschäftigt mich weiter.

Helfen da Anspielungen auf mythische und biblische Geschichte?
Ich sehe in Wikipedia nach und finde unter Arche Noah neben sehr vielem Insiderwissen auch folgende Zeilen im Gilgamesch Epos (ca. 1800 vor Christus):

“Reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff.
Lasse ab vom Reichtum und suche stattdessen nach dem, das atmet ….
Dann holte ich herauf in das Innere des Schiffes meine gesamte Familie und Sippe.
Die Herdentiere der Steppe, die wilden Tiere der Steppe,
die Vertreter aller Künste holte ich herauf.
Ich trat ein in das Innere des Schiffes und verpichte dann mein Tor.”

… „und verpichte dann mein Tor“*  …

Gerade auf einem Kongress, auf dem Vielerlei sich finden und verbinden kann und auch unverbindlich bleiben kann, ist dieses Urbild der Verdichtung einer neueren Interpretation zugänglich.

Ich wage also abschließend eine Aktualisierung. In Zeiten der Informationsflut und der scheinbar fast beliebigen Möglichkeiten sind Lerngemeinschaften gefragt. Erst die Intensität eines Miniversums, also eine Auswahl unterschiedlicher Systemakteur/innen, die ein Entwicklungsgefäß bilden, indem sie sich gemeinsam ihrer Aufgabe stellen, ermöglicht neue Wege, Auswege. Häufig werden Lerngemeinschaften bereits als Ausweg zur Erneuerung des Unterrichts genannt.

Claus Otto Scharmer geht weiter. Er arbeitet in der Theorie U heraus, dass wir Menschen unsere eigenen Grundlagen selbst schaffen und neue Infrastrukturen des Lernens im gesamten Gesellschaftssystem errichten können (Scharmer, C. Otto: Theorie U. Von der Zukunft her führen. Carl-Auer, Heidelberg 2009). Dies wird auch als Ausweg in lernen4dimensional im Buch “Niemand lernt so wie ich” herausgearbeitet.

——–
*) „verpichen“ – mit Pech ausstreichen (Duden)

>> Netzwerk Archiv der Zukunft – Kongress Arche Nova

Der Blog lernen4dimensional

Was bezwecken wir mit diesem Blog?

Wir möchten weitgehend unerkannte Kräfte zu lernen nützen und populär machen. Die unerkannten Quellen des Lernens befinden sich jenseits des heute so erfolgreichen kognitiven Lernens. Die Unterscheidung in vier Dimensionen ist zwar in der Fülle unserer Lernpotenziale willkürlich, allerdings entspricht sie großen Epochen der Menschwerdung.

Die vier Dimensionen

Es handelt sich bei der ersten Dimension um die frühe natürliche Kompetenz des Kindes (und aller Lebewesen) zu lernen, sich anzupassen, mitzuschwingen, sich zu distanzieren, dazu zu gehören usw.

Die zweite Dimension erschließt die Quelle der Subjektivität und Einzigartigkeit jeder Person.

Die dritte Dimension - das verbreitete mentale, kognitive Lernen – hat uns den Fortschritt der Moderne gebracht. Derzeit wird unter Lernen fast nur kognitives Lernen verstanden. Damit ist gesichertes Wissen gemeint, das andere dann nachlernen müssen. Doch Lernen ist auch – und in hohem Maße – Erfindung in der jeweiligen Situation. Neu, frisch, aus der Fülle der Umstände.

Die vierte Dimension ist erst im Entstehen. Bereits viele Menschen wissen in entscheidenden Lebenssituationen: Der Prozess ist klüger, oder mit Rückhalt ist viel mehr zu schaffen, oder der Glaube versetzt Berge, oder Vertrauen führt … usw. Dieser Ansatz des Loslassens, der Selbstlosigkeit und einer Haltung der Zuversicht weist in die heraufdämmernde vierte Dimension oder Quelle des Lernens. Dabei werden alle anderen Quellen geachtet und genutzt.

Die Energie, die aus Unterschieden gewonnen wird

Wir kennen die Erfahrung, wie Energie entsteht: Aus Unterschieden – so wird das Gefälle des Wassers genutzt, das dann das Wasserrad oder die Turbine treibt, so wird die Bewegung des Windes vom feststehenden Windrad  genutzt, so wird der Unterschied der Temperatur über und unter der Erde bei der Erdwärmeheizung genutzt. Ähnlich ist es immer wieder beim Lernen, da wird der Unterschied zwischen Bekanntem und Unbekanntem genutzt. Dabei ist allerdings das angeordnete Nachlernen, die vermutlich schwächste, ermüdendste und aufwändigste Form des Lernens. Und das Lernen aus eigenem Interesse ist energievoller. Das schöpferische Lernen – scheinbar ohne Zweck und beiläufig - ist angesichts unserer vernetzten Sinne und Nerven und unseres milliardenfach vernetzten Gehirns am produktivsten.

Die Erotik der Unterschiede zwischen Mann und Frau beschert uns die nächste Generation.

Das Kind will laufen wie die Großen und nimmt jeden Ausrutscher hin, um den Unterschied zu den Großen zu verkleinern.

Lernen kann als Spiel mit unterschiedlichen Dimensionen des Bewusstseins verstanden werden; Erfahrung sitzt am tiefsten, wenn alle Dimensionen, die ursprünglichen Impulse, die subjektiven Erlebnisse, die objektivierenden Verfahren und die integrierenden Prozesse genutzt werden – so gelingt es uns (vielleicht), klüger zu werden.